Träger des Denkmalschutzpreises 1996

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Träger des Denkmalschutzpreises 1996

Fünf Gebäude und ihre Besitzer erhielten den Denkmalschutzpreis 1996 des Schwäbischen Heimatbundes und der Württemberger Hypo. Die Spanne der Gebäude reicht vom Bauernhaus über das Schafhaus und ein Fischerhaus zum Bürgerhaus.

Die Preisträger 1996

Bauernhaus Gaisengasse 4, Trossingen (1806)

Außenansicht

Einhaus mit Scheuer und großem Scheuerntor, Stallteil in der Mitte und giebelständig zur Gaisengasse der Wohnbereich

Mitten im alten Ortskern von Trossingen vermittelt das 1806 traditionell neu erbaute Einhaus noch den Einblick in den dörflichen Charakter der Ortschaft. Das Bauernhaus ist ein wichtiges gebautes Zeugnis für die ursprünglich dörflich geprägte Struktur von Trossingen. Mit einer für die Baar typischen Raumfolge vereint das Fachwerkgebäude alle Funktionen der früheren landwirtschaftlichen Nutzung unter einem Dach.

Nach umfangreichen bauhistorischen und restauratorischen Untersuchungen ging es für die neuen Eigentümer, Familie Klotz, um die Erhaltung des historischen Erscheinungsbildes soweit als möglich. Holzauswechslungen beispielsweise erfolgten in historischen Zimmermannstechniken und mit alten handbeschlagenen Hölzern aus Abbruchhäusern. In der Eckstube wurden die schönen, noch originalen Täfer repariert und auf einer Zellulosedämmung wieder eingebaut. Türen, Fenster und Fensterläden sind in liebevoller Detailarbeit repariert worden.

Außen folgt die Farbigkeit dem historischen Vorbild und trägt viel zum heutigen Reiz des Gebäudes bei. Die Haustechnik versuchte die Konstruktion so wenig wie möglich zu stören. Den Bauherrn gelang es in beispielhafter Form, substanzschonend ihre Nutzungsvorstellungen in den historischen Baubestand zu integrieren, neue oberflächenbildende und ergänzende Materialien entsprechend den historischen Befunden zu verwenden und neue Teile schlüssig in den Bestand zu integrieren. Besonderes Augenmerk wurde auf baubiologisch und ökologisch sinnvolle Lösungen gelegt.

Lauchkling-Schafhaus in Essingen-Hohenroden (1740)

Außenansicht

Perfekt schmiegt sich das Schafhaus in die Ostalblandschaft

Hohenroden ist seit 1410 im Familienbesitz der Freiherren von Woellwarth und seit 1980 im Privatbesitz von Reinhardt Freiherr von Woellwarth. Hohenroden besteht seit altersher aus einem Schlossgut mit Land- und Forstwirtschaft. Neben dem Lauchkling-Schafhaus standen ungefähr gleichgroße Schafhäuser auf dem Schwegelhof, auf dem Burren und auf der Lix.

Noch 1851 wurden in Essingen 4.050 Schafe gehalten und verteilten sich auf Schafweiden mit einer Fläche von rund 1.000 ha. Auf einer Grundfläche von 640 qm nahm das Lauchkling-Schafhaus früher im Winter zeitweilig bis zu 800 Schafe auf, die soweit möglich geweidet, aber überwiegend mit Heu und Stroh durch den Winter gefüttert wurden. Im 19. Jahrhundert zog der Schäfer mit seinen Schafen häufig zur Winterweide nach Lorsch am Rhein. Von hier aus wurden die Schafe verkauft und bis nach Paris getrieben.

Das 1740 erbaute Schafhaus in Lauchkling, das letzte seiner Art, fügt sich so perfekt in das Gelände ein, dass von weitem die Größe des Gebäudes gar nicht wahrgenommen wird. Trotz des mächtigen dreigeschossigen Sparrendaches kann die Höhe nur erahnt werden, folgt der First doch dem Gefälle im Gelände, so dass der Baukörper eine Neigung von 1,38 m aufweist. Das Gebäude befand sich vor der Renovierung in beklagenswertem Zustand. In alter Zimmermannstechnik wurden der mächtige Dachstuhl und das hölzerne Tragwerk wieder ausgerichtet. Die Dachdeckung wurde mit handverlesenen alten Biberschwanzziegeln neu eingedeckt, zwei Schleppgauben unter Verwendung alter Konstruktionsteile repariert. Das Mauerwerk musste ausgebessert und neu verputzt werden, ebenso die Riegelfachwerkwand des Giebels.

Dem Eigentümer von Schlossgut Hohenroden ist es zu verdanken, dass das reizvoll gelegene barocke Schafhaus in seinem Bestand erhalten und langfristig gesichert wurde. Auch ohne die heute aufgegebene Schafhaltung vermittelt der Scheunen- und Stallbau mit dazugehörendem kleinen Schäferhaus ein anschauliches Bild früherer landwirtschaftlicher Nutzungen.

Bürgerhaus Sebaldstrasse 10, Schwäbisch Gmünd (1472)

Straßenansicht

Das spätmittelalterliche Fachwerkhaus wurde im Barock und Biedermeier stark umgeformt.

Das stattliche Fachwerkhaus liegt am Rande der staufischen Kernstadt in der Nähe des im 19. Jahrhundert abgegangenen Capuziner-Klosters. Als eines der markanten Bürgerhäuser weist das Fachwerkgerüst in seinem Grundbestand auf das Jahr 1472 zurück. Das Gebäude ist wesentlicher Bestandteil der hier noch weitgehend geschlossenen historischen Bebauung der ehemaligen Sebaldus-Vorstadt mit überwiegend zweigeschossigen Fachwerkhäusern vom 14. bis zum 18. Jahrhundert.

Schon früh als Wirtschafts- und Wohngebäude ausgewiesen, erfuhr das Gebäude viele Veränderungen. Am gravierendsten waren barocke Umbauten, die stark in die Substanz eingriffen, aber immer als erhaltende Reparatur unter Beibehaltung aller weiterverwendbaren Teile durchgeführt wurden. Auf diesen Umbau, der nach der Inschrift über dem Türsturz 1771 zum Abschluss kam, geht die heutige Fassadengliederung als Putzfachwerk mit den symmetrisch angeordneten Fenstern mit barocker Bekleidung und Bedachung zurück.

Neben Veränderungen der Grundrissstruktur spiegelt sich dieser barocke Umbau auch in der mit Stuckprofilen versehenen großen Voluten-Decke im südöstlichen Eckzimmer des ersten Obergeschosses wider. Eine zweite große Umbauphase im 19. Jahrhundert über mehrere Jahrzehnte hinweg hinterließ ebenfalls ihre Spuren im Inneren. Die biedermeierliche Treppe aus Eiche vom Erd- ins Obergeschoss gehört ebenso dazu wie die Ausstattung der Räume mit Stuckhohlkehlen, kassettierten Lamberien in den Haupträumen und profilierten Türen.

Der beeindruckendste Hausteil ist aber das imposante Dachwerk mit liegendem und stehendem Stuhl in verblatteter Technik. Der heute als Konferenzraum gestaltete offene Dachraum mit historischer Blockstufentreppe und den sichtbaren Konstruktionselemente der Tragkonstruktion geht auf die Erbauungszeit von 1472 zurück.

Die Verbindung von moderner Ausbautechnik und Möblierung mit der kraftvollen historischen Holzkonstruktion trägt viel zur Atmosphäre des Gebäudes bei und vermittelt zusammen mit den Ausstattungen späterer Jahrhunderte ein anschauliches Bild eines historischen Veränderungsprozesses in einem Gebäude. Die Renovierung ist als ein denkmalpflegerisch beispielhafter Beitrag der Rems-Zeitung im Umgang mit dem historischen Gebäude zu bewerten.

Schiefes Haus, Schwörhausgasse 6, Ulm (14. Jh.)

schöner Sichtfachwerkbau an einem Kanal

Das Schiefe Haus an der Blau im Ulmer Fischerviertel

Das Ulmer Fischerviertel, vom Flüsschen Blau durchzogen, war das Quartier der Schiffsleute, Gerber und Donaufischer. Die Fischer- und Gerberhäuser säumen die Ufer der Blau und prägen mit ihren Fachwerkgiebeln und Gerberlauben das charakteristische Bild des historischen Stadtviertels. Das Schiefe Haus geht in seinem Kern auf die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts zurück. Mit der Erweiterung zur Blau hin erhielt das Gebäude 1453 seine heutige Dimension. Wegen der schon bald nach dieser Erweiterung aufgetretenen Schieflage, verursacht durch den schlechten Baugrund, erhielt das Gebäude seinen Namen.

Das schlichte, zweigeschossige Fachwerkhaus mit steilem, hohem Satteldach kragt mit seinem Südgiebel über die Blau und steht mit Stützen im Flussbett. Während der Nordgiebel gerade aufragt, neigt sich der südseitige Fachwerkgiebel über 80 cm zum Fluss hin und verleiht so dem Gebäude sein berühmtes "schiefes" Aussehen. Es ist Ulms schrägstes Haus - und das meistfotografierte. Während die Fenster immer wieder der Schräglage angepasst wurden, sind die zur Blau hin abfallenden Fußböden in den Obergeschossen niemals ausgeglichen worden. Ursprünglich wohnten wohl Donaufischer im Schiefen Haus. Dafür spricht das weitvorkragende Obergeschoss, unter dem die Fischer ihre Boote festmachen konnten.

Mit heutigen Hilfsmitteln wäre es möglich gewesen, die Schiefstellung des Gebäudes zu korrigieren. Im Interesse des Stadtbildes und der Hausgeschichte wurde eine Korrektur unterlassen, mit allen Konsequenzen für die Nutzung. Das äußere Erscheinungsbild mit seiner Alterspatina als erhaltenswertes Ziel bedeutete: keine zusätzlichen Fenster und Dachgauben, keine Vergrößerung der Fensterformate, keine Erhöhung des sehr niedrigen Eingangs und, ganz wichtig, eine erhaltende Reparatur der historischen Dachdeckung.

Dem Architekten Günter Altstetter als neuem Eigentümer kommt der Verdienst zu, das im Ulmer Stadtbild nicht wegzudenkende Gebäude mit seiner komplizierten Baugeschichte erhalten zu haben und bei weitestgehender Sicherung der wertvollen Bausubstanz mit einer unkonventionellen Lösung im Design im Schiefen Haus ein kleines Hotel zu betreiben.

Bauernhaus Mühlacker-Lienzingen, Knittlinger Straße 21 (1560)

Außenansicht mit ockerfarbigem Fachwerk

Eines von vielen giebelständigen Fachwerkhäusern des 16. Jahrhunderts an der Dorfstraße.

Ende der 1970er Jahre wurde der rückwärtige Hausteil des Gebäudes Knittlinger Straße wegen seines schlechten Erhaltungszustandes zum Abbruch freigegeben. Mit dem Erwerb der gesamten Hofanlage durch die Familie Pfullinger gelang es, das Fachwerkgebäude zu retten und zu erhalten. Im Obergeschoss dient heute eine gemütliche Gastwirtschaft mit einer Anzahl von Übernachtungsmöglichkeiten für eine sinnvolle Nutzung der Obergeschosse. Das heutige Erscheinungsbild des stattlichen, giebelständigen Fachwerkhauses von 1560 besitzt im rückwärtigen Hausteil noch Bauteile eines Fachwerkgerüstes von 1441.

Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Reparatur der vorhandenen Originalgefache der Wände und Decken mit ihren historischen Bemalungen und Farbfassungen der Renaissancezeit. Wiederverwendbare Ausbauteile und Materialien wie Türen, Beschläge oder Fußbodendielen wurden repariert und wieder eingebaut. Die Fenster sind als sprossierte Einfachfenster nach historischem Vorbild erneuert.

Eine Kostbarkeit im ländlichen Raum sind die Renaissancemalereien auf den Wänden und Decken. Besonders hervorzuheben ist eine Gefachmalerei im Erdgeschoss im heutigen Verkaufsraum. Diese der Bauzeit von 1560 zuzuordnende Renaissancemalerei gehört wohl zu einer einstigen Handwerkerstube.

Familie Pfullinger fand als Eigentümer unter Anstrengung aller Kräfte mit dem Ausbau des Gebäudes zur Gastwirtschaft und kleinem Hotel die neue Nutzung, die den langfristigen Bestand des Gebäudes wieder sichert. Durch den schonenden Umgang mit der wertvollen Bausubstanz konnte ein für das Ortsbild von Lienzingen wichtiges Fachwerkhaus erhalten werden.

(Texte und Bilder: Ulrich Gräf, Frank Busch)

Hinweise

In Heft 1 eines jeden Jahrgangs berichten wir in der Schwäbischen Heimat ausführlich über die aktuelle Preisverleihung und die Preisträger. Sonderdrucke können Sie kostenlos bei der Geschäftsstelle bestellen.

Die Preisträger werden im Spätsommer eines jeden Jahres bekanntgegeben. Die Preisverleihung findet üblicherweise im Herbst in der Stadt oder Gemeinde eines der Preisträger statt.

Hier finden Sie Informationen über die Ausschreibung und Bewerbungskriterien sowie Hinweise zu den am Preis beteiligten Partnern