Träger des Denkmalschutzpreises 1994

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Träger des Denkmalschutzpreises 1994

Fünf Gebäude und ihre Besitzer erhielten den Denkmalschutzpreis 1994 der Württemberger Hypo und des Schwäbischen Heimatbundes. Die Spanne der Gebäude reicht von einer Weißgerberwalk über ein Schloss zum Hofgut.

Die Preisträger 1994

Weißgerberwalk Biberach/Riß, Ehinger Straße 48 (1699)

Außenansicht mit trocknenden Häuten

Die Weißgerberwalk in Biberach: ein technisches und bauhistorisches Juwel.

Die Hammerwalke an einer Flußau, dem später so benannten Weißgerberbach, stadtauswärts von Biberach gelegen, wurde 1699 für die Lederzunft in Biberach errichtet. Sie ist heute die letzte in Deutschland erhaltene Walke, in der auf "altsämische" Art gegerbt wird. Die Weißgerberwalk an der Ehinger Straße dokumentiert eine alte Biberacher Tradition und Handwerkstechnik. Nach der Zerstörung der alten Weißgerberwalk im Dreißigjährigen Krieg erbaute die Reichsstadt 1699 eine neue und größere Zunftwalk vor den Toren der Stadt, die bis Mitte der 50er Jahre unseres Jahrhunderts von allen Biberacher Weißgerbern genossenschaftlich genutzt und erhalten wurde.

Nach Geschäftsaufgaben oder Anpassung der anderen Betriebe an die moderne Technik ist allein die Familie Kolesch übriggeblieben, die mit der Walk weiterhin nach alter Handwerkstradition Leder herstellt. Der Betrieb der Familie Kolesch besteht seit 1723. Jürgen Kolesch, der jetzige Besitzer, führt die Gerberei bereits in der achten Generation.

Für die Gerberei waren der Bach und der umgebende Freiraum zur Wässerung und Trocknung der Lederprodukte notwendig. Am stattlichen zweigeschossigen Fachwerkgebäude mit seinem Walmdach beschränken sich die Zierformen auf die Profilierung der Schwelle im Obergeschoss und auf Andreaskreuze unter den Luken im Obergeschoss. Die Fachwerkteile im Eingangsbereich lassen in ihrer altertümlichen Form auf ältere Reste schließen, die in den Neubau von 1699 integriert wurden. Im Erdgeschoss befindet sich die durch ein eisernes, unterschlächtiges Wasserrad mit fünf Meter Durchmesser und 1,30 Meter Breite angetriebene Hammerwalk. Heute besteht für Niedrigwasserzeiten auch ein separater Elektroantrieb. Die Lage am Bach weist das Gebäude als Mühle aus, die großen Lüftungsöffnungen im Obergeschoss und im Dach lassen auf Trockenböden schließen, die sichtbar auf das Gerbergewerbe hinweisen.

In dem um fünf Stufen erhöhten Südteil des Gebäudes liegen zwei Kammern mit einem teils gemauerten, teils mit Gussplatten verkleideten Kachelgrundofen von 1780 zur Trocknung der Häute bei konstanter Temperatur und eine kleinere Kammer für die Walkknechte. Im Obergeschoss und im Dachraum befinden sich die Trockenräume für die Leder. Die konstruktiven Fachwerkhölzer sind überwiegend in Eiche ausgeführt, die Balken, Rafen und Längsverbände in Fichtenholz.

Die jetzt abgeschlossene Unterfangung des massiven Erdgeschosses und die statische Sanierung des Fachwerks sowie die Sanierung des Dachstuhls samt der Neueindeckung des Dachs lassen die Nutzung als Hammerwalk auch für die Zukunft zu. Der persönliche Einsatz von Gerbermeister Jürgen Kolesch für seine Walk und die tatkräftige Unterstützung der Stadt Biberach bei der Tradierung der überlieferten Gerbertechnik zeigen in beispielhafter Weise denkmalpflegerisches Handeln.

Schloss und Bandhaus Krautheim-Neunstetten (16. Jh.)

stattliches Haus mit Treppenturm und gelbem Fachwerk

Schloss (rechts) und Bandhaus in Neunstetten, erbaut nach 1560 von einem Sohn des Götz von Berlichingen

Der Sohn des berühmten Götz von Berlichingen, Hans Jakob, der als letzter derer von Berlichingen im Kreuzgang des Klosters Schöntal bestattet ist, erbaute das Schloss Neunstetten. Dreimal weist die Jahreszahl 1568 an der linken Frontseite des Schlosses auf den Fertigstellungstermin hin. Das Schloss samt Hofgut blieb bis 1926, bis zum Verkauf an die Gemeinde Neunstetten, im Besitz der Familie von Berlichingen. Bis zum Kauf durch Professor Dr. Thomas Meyer im Jahr 1979 befand sich das Neunstetter Schloss in einem verwahrlosten Zustand.

Im Zuge der jetzigen Sanierung wurden sanitäre Einrichtungen behutsam eingebaut, zwei Räume können mit Holzöfen beheizt werden; die übrigen Räume bleiben in der gesicherten Substanz mit ihrer herkömmlichen Ausstattung, mit alten und neueren Möbeln. Drei Tage im Jahr findet auf dem Gelände und in den Gebäuden das dreitägige Jahresfest des örtlichen Turn- und Sportvereins statt

Zeitgleich mit dem Schloss errichtete Hans Jakob von Berlichingen auf älteren Fundamenten der früheren Wehranlage das sogenannte Bandhaus. Dessen Name führt indes in die Irre, handelt es sich doch hier nicht um eine Küferei, sondern um das Fest- und Sommerhaus des Neunstetter Schlosses. Der Dachstuhl musste ausgebessert und das Dach mit alten Ziegeln teilweise neu gedeckt werden. Der Außen-Aufgang zum Festsaal wurde rekonstruiert wie auch der Aufgang vom Festsaal in das Dachgeschoss zum wiederhergestellten und eingerichteten Turmzimmer.

Das äußere Erscheinungsbild von Bandhaus und Schloss Neunstetten ist nach Befundergebnissen neu gefasst worden. Das Innere wurde unter Aufsicht des Restaurators weitgehend in Eigenleistung des Eigentümers im erbauungszeitlichen Zustand des Schlosses wiederhergestellt. Der Erhalt von Dielenböden, originalen Fenstern und Türen sowie der Verzicht auf farbliche Komplettierung der Renaissance-Malereien im Treppenturm tragen zum hohen Zeugnischarakter der Räume und ihrer Ausstattung bei. Die einzige größere "Zutat" ist eine Dachterrasse über dem Küchenvorbau aus der Zeit um 1630.

Vom Sorgenkind der Denkmalpflege - eine zweimal ausgesprochene Abrissgenehmigung für das Bandhaus lag vor - hat sich die Anlage in einer denkmalpflegerisch idealen Art und Weise entwickelt.

Handwerkerhaus Rottweil-Altstadt, Graben 15 (1453)

Ansicht mit roten Fensterläden und alten Dachziegeln

Straßenseite des Hauses Graben 15 in Rottweil-Altstadt

Das Gebäude ist neben der Kirche und dem Beinhaus das älteste Haus in Rottweil-Altstadt. Der frühere Zustand des Gebäudes ließ jedoch kaum mehr auf sein hohes Alter schließen, wenngleich die Lage an einer Zufahrtstraße in die Reichsstadt Rottweil und die prominente Situation in Rottweil-Altstadt Hinweise auf das Alter gaben. Die frühesten dendrochronologisch erfassten Hausteile datieren in die Jahre 1452/53. Die wertvolle, gewölbte Bohlenstube wurde in den Jahren 1464/65 eingebaut. Die Umfassungswände, ebenfalls aus dem 15. Jahrhundert, sind massiv zweistockig ausgeführt. Im Dreißigjährigen Krieg nahm das Haus zwar großen Schaden, wurde aber - wie viele andere - nicht gänzlich zerstört. Brandspuren lassen sich bis in die Decke des Erdgeschosses nachweisen. So erhielt das Gebäude im "Graben" 1646/47 einen neuen Dachstuhl. Ein letzter großer Umbau führte zur Umgestaltung der Fassade; danach war von außen kaum mehr auf die mittelalterliche Bausubstanz zu schließen.

Die frühesten archivalisch belegten Nachrichten aus dem Bereich des "Grabens" in Rottweil-Altstadt stammen aus dem frühen 14. Jahrhundert. Bereits 1327 ist ein Bratbeck an dieser Stelle nachzuweisen. Die ersten bekannten Besitzer des Gebäudes Graben 15 treten dann 1559 namentlich auf. Die Datierung des Dachstuhls auf 1646/47 lässt auf Zerstörung während der letzten Belagerung Rottweils 1643 schließen. Für das Jahr 1709 - in der wirtschaftlich prosperierenden Barockzeit- sind dendrochronologisch weitere bauliche Änderungen belegt. Im 20. Jhd. fügten vor allem Wasserschäden dem Haus schwerste Beschädigungen zu.

Im Jahr 1982 erwarb die Familie Bürk das Anwesen. Vieles musste ausgebaut, restauriert und wieder eingebaut werden. Im ersten Obergeschoss wurden die wertvollen, noch vorhandenen Holzteile der Bohlenstube, die Konstruktion und die Innenwände ausgebaut, restauriert und wieder eingebaut.. Bei der Untersuchung der Stube kamen mehrere Fassungen zutage: eine erste holzsichtig, die zweite eine farbige Graufassung, spätere Fassungen waren lediglich Übertünchungen. So wurde die Graufassung freigelegt, ergänzt und die neuen Teile mitgefasst. Die Laube auf der Rückseite des Gebäudes wurde im alten Zustand wieder hergestellt, mit einem Abgang in den Garten. Die Fassade konnte nach Befund mit Ecklisenen und Mittelfries in ihr historisch stimmiges Erscheinungsbild gebracht werden.

Die untersuchten und dokumentierten konstruktiven und bautechnischen Vorgaben haben die Besitzer bei der Restaurierung ihres Hauses beachtet und so nach eigenem Bekunden zu einem selbstverständlichen "biologischen" und auch "Ökologischen" Bauen gefunden, Diese Form des Umgangs mit historischer Bausubstanz ist denkmalpflegerisch beispielgebend.

Wohnhaus Schwäbisch Hall-Katharinenvorstadt, Lange Straße 26 (1336)

ein eher unscheinbares Haus mit Holzverkleidung am Giebel

Das Haus in der Lange Straße von der Gartenseite aus

Das Anwesen Lange Straße liegt in der Schwäbisch Haller Katharinenvorstadt, die 1037 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Mit einem dendrochronologisch datierten Gebäudeteil von 1336 zählt das kleine Ackerbürgerhaus zu den ältesten in der Katharinenvorstadt. Die heute in Resten erhaltene Bohlenstube im Wohngeschoss wurde 1530 in einem Anbau eingefügt. In einem weiteren rückwärtigen Bauteil des 18. Jahrhunderts wurde eine zweite Wohneinheit mit kleiner Küche und Balken-Bohlenstube eingebaut, vermutlich als Ausgeding für den Altbauern. Im Erdgeschoss befanden sich Stallungen.

Im Jahre 1989 erwarb Familie Stein das Haus, dem seine Bedeutung und sein hohes Alter nicht anzusehen waren, da die verputzte Fassade eher auf ein Gebäude des 17./18. Jahrhunderts schließen ließ. Zum Zeitpunkt des Erwerbs waren zahlreiche Veränderungen der vergangenen Jahrhunderte zu berücksichtigen, die den Blick auf die originale Struktur und Ausstattung des Gebäudes verstellten. Die Aufteilung in zwei Wohnbereiche, die wohl bereits im 18. Jahrhundert vollzogen wurde, hatte weitgehende Umbauten zur Folge. Trotz der vielen Veränderungen erbrachten gründliche, wissenschaftlich abgesicherte archäologische, bauhistorische und restauratorische Untersuchungen ein exaktes Bild der mittelalterlichen Substanz des Gebäudes mit vielen Fundstellen und Details.

Der Anbau des 18. Jahrhunderts erhielt wieder sein ursprüngliches Erscheinungsbild. Im Hauptgebäude konnte im Erdgeschoss mit den ehemaligen Stallungen weitgehend der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt werden. Die neuen nutzungsbedingten Zutaten stehen in bewusstem Kontrast zum historischen Erscheinungsbild.

Im Wohngeschoss sind die mittelalterlichen Bauteile in die neue Nutzung integriert. Besonders hervorzuheben ist die Rückführung der Küche auf ihre ursprüngliche Lage und Funktion als Flurküche. So lässt sich der historische Rauchfang der ehemaligen Befeuerung klar ablesen, die ehemalige Treppenöffnung nimmt heute eine neue leichte Stahltreppe auf, die sich gut detailliert in das historische Erscheinungsbild einfügt. Die bemalten Fachwerkwände und die Reste der Bohlenwände wurden freigelegt und restauriert, die noch vorhandenen Bretterböden, zwei alte Gratleistentüren und eichene Sprossenfenster wurden repariert und fehlende Fenster ergänzt. Die bemalten und restaurierten Wandteile sind von Installationen völlig freigehalten.

Die beispielhafte denkmalpflegerische Leistung von Familie Stein beruht auf der Beschäftigung mit der vorhandenen Bausubstanz, die in vorbildlicher Weise durch die jeweiligen Spezialisten erfasst und dokumentiert wurde und die erst das heute wieder harmonisch integrierte Nebeneinander von alten und neueren Bauteilen möglich machte.

Üttingshof Bad Mergentheim-Althausen, Gut Üttingshof (1871)

Außenansicht in klassizistischer Formensprache

Schloss Üttingshof bei Bad Mergentheim. Das Herrenhaus von 1871 steht auf älteren Fundamenten.

Bis 1861 wurde der Hof durch Bauernfamilien bewirtschaftet. Dann erwirbt ein Eugen Schmidt aus Frankfurt das Anwesen und baut das Wohngebäude auf den alten Grundmauern 1871 wieder auf. In klassizistischer Formensprache wird das Herrenhaus gestaltet und vor allem im Inneren reich dekoriert. Ein Besitzerwechsel 1896 dokumentiert sich durch eine Renovierung des Inneren mit Schablonenmalerei der Jahrhundertwende. Nach dem Kauf des Hofes durch ein Unternehmen 1933 wird das Herrenhaus nur noch teilweise durch die jeweiligen Verwalter bewohnt. Nach Aufgabe des Anwesens durch die Firma erwirbt Familie Harms den Hof und gibt ihm wieder eine neue Nutzung und Bestimmung.

Die landwirtschaftliche Fläche wird als Versuchsgut bewirtschaftet, das Herrenhaus dient der Familie als Wohnung und stellt repräsentative Büroräume für die Verwaltung zur Verfügung. Im Prozess des gemeinsamen Ringens von Denkmalpfleger und Bauherren um die bestmögliche Respektierung des historischen Charakters des Gebäudes fanden die Bauherren zur persönlichen Identifizierung mit ihrem Gebäude und akzeptierten dessen Eigenheiten in Form und Gestaltung. Die neuen Funktionen der geplanten Wohn- und Büroräume mussten dabei des öfteren hinter der historischen Raumausstattung zurückstehen.

Dabei wurden im Obergeschoss die dokumentierten Deckenmalereien konserviert und mit Mineralputz abgedeckt. Die Wiederherstellung der Schablonenmalereien ist in Technik und Formensprache mit dem Original identisch. Im Lichthof erfolgte die Rekonstruktion der Marmorierung auf den Wandflächen nach dem erhobenen Farbbefund. Die neue Ausmalung im wieder hergerichteten Turmzimmer fügt sich harmonisch zur historischen Ausstattung der Zeit um 1871, in einigen Räumen auch die Gestaltung der Jahrhundertwende; so werden Entwicklung und Bauphasen des Herrenhauses unter den jeweiligen Bauherren dokumentiert.

Für das äußere und innere Erscheinungsbild wesentlich sind die Reparatur der erhalten gebliebenen Fenster aus der Erbauungszeit und die teilweise Erneuerung nach historischem Vorbild. Die Ergänzung zum Kastenfenster schafft die wärmetechnischen und klimatischen Voraussetzungen für die heutige Bewohnbarkeit der Räume. Ein Großteil der originalen Böden aus erlesenen Hölzern konnte freigelegt und wieder aktiviert werden.

Der früher offene Innenhof ist durch eine transparente Glaskuppelüberdachung, die in der Dachkonstruktion verankert ist, geschlossen worden und bildet einen Verteiler für alle Räume des Hauses. Aus dem südländisch anmutenden Innenhof mit dem offenen Umgang wurde so ein Lichthof, der den ihm einstmals zugedachten Wohncharakter zurückgewann. Die hölzernen Zierformen kommen wieder zur Geltung und vermitteln ein anschauliches Bild einer an klassischen Wohnformen orientierten Baukultur in unserem Raum.

(Texte und Bilder: Ulrich Gräf)

Hinweise

In Heft 1 eines jeden Jahrgangs berichten wir in der Schwäbischen Heimat ausführlich über die aktuelle Preisverleihung und die Preisträger. Sonderdrucke können Sie kostenlos bei der Geschäftsstelle bestellen.

Die Preisträger werden im Spätsommer eines jeden Jahres bekanntgegeben. Die Preisverleihung findet üblicherweise im Herbst in der Stadt oder Gemeinde eines der Preisträger statt.

Hier finden Sie Informationen über die Ausschreibung und Bewerbungskriterien sowie Hinweise zu den am Preis beteiligten Partnern