Mathias Beer (Hrsg.): Baden-Württemberg eine Zuwanderungsgeschichte.

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Mathias Beer (Hrsg.): Baden-Württemberg eine Zuwanderungsgeschichte.

Titelblatt

(Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs, Band 40). W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2014. 288 Seiten mit einigen Abbildungen. Broschur 6,50 Euro. ISBN 978-3-945414-00-2

Fast täglich sorgen derzeit Asylsuchende und Flüchtlinge aus aller Welt für Schlagzeilen in deutschen Zeitungen. Ein neues, gerade verabschiedetes Bundesgesetz versucht die alten Bedingungen und Regeln für die Aufnahme der Hilfesuchenden der gegenwärtigen Situation anzupassen und Leitlinien an die Hand zu geben. Kein Zweifel, Deutschland ist seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland und die Bereiche Migration, Integration, Assimilierung und Akkulturation sind längst zentrale gesellschaftspolitische Themen geworden, die - wie der Herausgeber dieses Buches formuliert, "ganz wesentlich unser Leben bestimmen und für die Zukunft Deutschlands von besonderer Bedeutung sind". Trotz eines allgemeinen Geburtenrückgangs vermeldet das Statistische Landesamt Jahr für Jahr zu den Bevölkerungszahlen in der Bundesrepublik Deutschland eine "Bevölkerungszunahme durch hohe Einwanderung".

Wie gerade auch die jüngste Abstimmung zum neuen Gesetz im Bundesrat zeigte, ist die Diskussion über den Umgang mit den Migranten nicht selten geprägt von überbordender Betroffenheit, gutmeinender Unkenntnis und hektischen Aktivitäten. Deutlich wird, dass es oft an "historischer Tiefenschärfe" fehlt. Diese kommt im vorliegenden Buch gut begründet und auf unterschiedliche Bereiche und die wesentlichsten Aspekte gestützt zur Sprache. Die zwölf im Band versammelten Beiträge stammen aus den Federn von Fachleuten verschiedener Disziplinen, darunter von Historikern, Soziologen, Kulturwissenschaftlern, Politologen und Juristen. Sie liefern Fakten, erläutern auch komplizierte Vorgänge anschaulich und überzeugend.

Die Reihe der Beiträge eröffnet Hermann Bausinger, der bis ins 16. Jahrhundert zurückgreift und zeigt, wie sich Fremdes in die heimische Lebensweise integrierte, etwa in der Baukultur, aber auch im Brauchtum, in der Musik oder in der schwäbischen Sprache und Küche. Immer wieder zieht er auch Parallelen zur heutigen Bevölkerungsbewegung, beispielsweise in dem hervorgehobenen "Dreischritt der Auswanderung: für die erste Generation der Tod, für die zweite die Not, erst für die dritte das Brot". Seinem Aufsatz folgen sechs weitere, die jeweils eine bestimmte Zuwanderergruppe, deren Geschichte und Entwicklung, bis heute verfolgen: Zwangsarbeiter und Holocaust-Überlebende nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen, die italienischen "Gastarbeiter", die Türkischen Zuwanderungen, die Arbeitsmigrationen aus Ex-Jugoslawien sowie die "Spätaussiedler" aus dem Osten. Die nächsten drei Beiträge fragen gruppenübergreifend danach, wie die Aufnahme der meist nicht erwünschten Zuwanderer verlief, wie sie sich auswirkte und welche Bereiche davon betroffen waren. Wie alle Aufsätze orientieren sich auch diese drei an ganz konkreten Beispielen, Gegebenheiten und Themen. So untersucht Maren Möhring die Entwicklung der ausländischen Gastronomie, die allen bekannte "Zuwanderung" von Pizza und Spaghetti, von Balkangrill und Döner.

Den Band runden zwei Beiträge ab, die sich mit aktuellen Zuwanderungsfragen beschäftigen: Ist Baden- Württemberg aus wirtschaftlichen Gründen auf "ausländische Kräfte" angewiesen, welche Willkommenskultur ist angemessen und richtig, was erwartet die "ansässige" Bevölkerung von den Zuwanderern.

Die Beiträge thematisieren natürlich auch die Schwierigkeiten, die Probleme, die Herausforderungen, die die Zuwanderung mit sich brachte und bringt. Deutlich wird aber, dass die Zuwanderung gerade dem Bundesland Baden-Württemberg bei seinem Zusammenschluss 1951, aber auch in seiner anhaltenden wirtschaftlichen Dynamik geholfen hat. Dass das Land darüber hinaus seine kulturelle Vielfalt und Qualität sowie seine ungebrochene Attraktivität auch den Zuwanderern verdankt. Die Migration ist in der deutschen, ja gerade auch in der badenwürttembergischen Geschichte nichts Neues oder gar Einmaliges, sondern der "Normalfall".

Wilfried Setzler