Wolf Hockenjos: Wo Wildnis entsteht. Der Bannwald Zweribach im Schwarzwald.

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Wolf Hockenjos: Wo Wildnis entsteht. Der Bannwald Zweribach im Schwarzwald.

Titelblatt

Der Kleine Buch Verlag Karlsruhe 2015, 160 S., 199 Abb., 26 x 19 cm, Hardcover, 34,90 Euro, ISBN: 978-3-7650-8413-3

Naturwälder – in Baden-Württemberg spricht man von Bannwäldern – sind bekanntlich Wälder, die der natürlichen Entwicklung überlassen und nicht mehr bewirtschaftet werden. In Deutschland gibt es derzeit etwas mehr als 700 solcher Reservate mit einer Fläche von knapp 35.000 ha. Ihr Anteil an der Gesamtwaldfläche liegt bei ca. 0,3 %. Nach der Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung vom Jahr 2007 soll sein Anteil künftig auf 5 % an der Waldfläche erhöht werden. Wie sich zuletzt wieder bei der Ausweisung des Nationalparks im Nordschwarzwald gezeigt hat, ist das Vorhaben umstritten: Naturschützer begrüßen es, andere lehnen es aus unterschiedlichen Gründen kategorisch ab.

Der erste Bannwald in Baden wurde im Jahr 1952 im abgelegenen Zweribachtal im mittleren Schwarzwald etwa 20 km östlich von Freiburg im Landkreis Emmendingen ausgewiesen. Die Initiative ging vom damaligen Leiter des Forstamtes St. Märgen, Fritz Hockenjos, aus. Wolf Hockenjos, sein 1940 geborener Sohn, hat in seiner Jugend die Entstehung des Bannwaldes Zweribach miterlebt und die Entwicklung des Reservats über nunmehr 63 Jahre – lange Zeit zusammen mit seinem von ihm verehrten Vater – aufmerksam verfolgt. Seine Eindrücke und Beobachtungen schildert der passionierte Fotograf und Erzähler in seinem neuen Buch und zeigt uns nicht zuletzt mit seinen meisterhaften Aufnahmen, wie Wildnis entsteht und warum sie uns begeistern und bereichern kann. Das 77 ha große Gebiet des heutigen Bannwaldes war in den 1950er-Jahren nur zum Teil bewaldet. An den Hängen befanden sich damals noch verstreut Bauernhöfe, umgeben von Wiesen, Weiden und Reutfeldern, die von dort ansässigen Waldarbeitern des Staatswaldes bewirtschaftet wurden. Die beschwerliche Arbeit auf den Höfen in dem abgelegenen Tal lohnte sich bald nicht mehr. Die Höfe wurden nach und nach aufgegeben, die Gebäude nur noch teilweise als Wohnungen – insbesondere als Ferienwohnungen – genutzt und schließlich ganz verlassen. Hockenjos erzählt von den Menschen, die dort gelebt haben, und von eigenen Erlebnissen. Zeitsprungbilder – die teils vom Vater, teils vom Sohn während der vergangenen 60 Jahre aufgenommen wurden – ergänzen die Erzählung und zeigen, wie aus dieser Kulturlandschaft Wildnis wurde.

Ausgehend vom Bannwald im Zweribacher Tal greift der Autor eine ganze Reihe weiterer Themen auf, die direkt oder indirekt mit dem Bannwald und der umgebenden Landschaft und seiner Geschichte zu tun haben. So informiert er uns unter der Überschrift «Futter vom Baum» über die früher im Schwarzwald häufig praktizierte und heute weithin in Vergessenheit geratene Schneitelwirtschaft, bei der Äste von den Bäumen gesägt wurden, um aus dem Laub und den jungen Trieben – insbesondere von Eschen, Bergahorn und Linden – Futter für das hungrige Vieh zu gewinnen. Er erzählt uns von den einst an den Hängen des Schwarzwalds qualmenden Reutfeldern, auf denen der Wald abgefackelt wurde, um dort für einige Jahre Ackerbau zu treiben, und zeigt uns Bildserien der unterschiedlichsten Pilze, die sich in den Totholzvorräten des Bannwaldes ansammeln, die jedem Pilzfreund helle Freude bereiten. Unter der Überschrift «Touristen und Wildnissucher» beschäftigt er sich mit dem Tourismus im Schwarzwald und stellt erfreut fest, dass das Zweribachtal bislang von den Besucherströmen verschont geblieben ist und dies trotz der großartigen Zweribacher Wasserfälle, denen im Buch besonders schöne Bilder gewidmet sind. Auch mit der Geschichte der Elektrizitätsversorgung setzt sich der Autor auseinander und schildert, wie im Jahr 1924 der Zweribach auf der Platte oberhalb des Simonswälder Tals zu einem See aufgestaut wurde, um Teile des Wassers in einer Rohrleitung zu einem Kraftwerk ins Tal zu leiten. Für diesen Eingriff in den Naturhaushalt, der dem Zweribacher Wasserfall einen großen Teil des herabsprudelnden Wassers entzogen hat, kann der Autor immerhin Verständnis aufbringen. Umso heftiger kritisiert er im Anschluss daran die auf der Platte und deren Umgebung auf den Schwarzwaldhöhen errichteten Windräder, vor allem deshalb, weil sie das Landschaftsbild stören. Dass er selbst deshalb von Natur- und Umweltschützern getadelt wird, die darauf hinweisen, dass die Energiewende nur gelingen wird, wenn auch die Windenergie dazu einen angemessenen Beitrag leistet, nimmt er in Kauf.

Abgesehen davon werden alle, denen der Natur- und Umweltschutz am Herzen liegt, an dem Textbildband eine große Freude haben. Nicht zuletzt die meisterhaften Bilder des Fotografen zeigen den großen Gewinn der entsteht, wenn wir einen angemessenen Teil unserer Wälder der natürlichen Entwicklung überlassen.

Heiner Grub