Ulrich Köpf (Hrsg.): Die Universität Tübingen zwischen Orthodoxie, Pietismus und Aufklärung.

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Ulrich Köpf (Hrsg.): Die Universität Tübingen zwischen Orthodoxie, Pietismus und Aufklärung.

Titelblatt

(Tübinger Bausteine zur Landesgeschichte, Band 25). Jan Thorbecke Verlag Ostfildern 2014. 439 Seiten mit einigen Abbildungen. Hardcover 34,80. ISBN 978-3-7995-5525-8.

Es ist ein Zeichen der Verehrung und Dankbarkeit, dass dieser Band dem im August 2012 verstorbenen Tübinger Landeshistoriker Sönke Lorenz gewidmet ist. Er hat die Tagung, auf der die Beiträge beruhen, im März 2012 einberufen und geleitet und hat für diesen Band noch die Einleitung verfasst. Seit 2006 war es die vierte Tagung dieser Art zur Tübinger Universitätsgeschichte. Die Ergebnisse dieser Tagungen sollten das Projekt eines Tübinger Professorenkatalogs begleiten und fördern, ein Projekt, von dem man nur hoffen kann, dass es die nachfolgenden Generationen weiterführen.

Hinter dem thematisch gestalteten Titel "zwischen Orthodoxie, Pietismus und Aufklärung" verbirgt sich die Zeit zwischen dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs, also vor der Mitte des 17. Jahrhunderts, und den Universitätsreformen des Herzogs Carl Eugen um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Der Herausgeber Ulrich Köpf, emeritierter Kirchenhistoriker und Leiter des Instituts für Spätmittelalter und Reformation der Universität Tübingen, betont im Vorwort, dass dieser Zeitabschnitt in der Forschung bisher selten behandelt wurde. Der Frage, wie es in Tübingen nach dem Dreißigjährigen Krieg aussah, gehen Sönke Lorenz und Wilfried Setzler nach. Lorenz weist darauf hin, dass Tübingen drei Bildungsinstitutionen von eigenem Rang besaß, die Universität, das herzogliche Stipendium oder Stift und die Ritterakademie des Collegium illustre. Setzler beschreibt das damalige Tübingen aus stadtgeschichtlicher Sicht, untermauert durch zahlreiche Abbildungen. Die Tübinger Hochschule war, wie oft geschmäht, eine "Familienuniversität " - mit anderen Worten: Nepotismus und Vetterleswirtschaft waren die Normalität.

Weitere Beiträge des Bandes gelten einzelnen Fächern oder bestimmten Professoren. Am stärksten vertreten ist die Theologische Fakultät, die über Jahrhunderte die führende Stellung unter den Fakultäten innehatte und auch stets den Kanzler stellte, jetzt aber in ihrer theologisch-philosophischen Ausrichtung in Bewegung geriet. Behandelt werden wichtige Vertreter dieser Zeit, deren umfangreiches Werk die Situation zwischen theologischer Orthodoxie, aufkommendem Pietismus und beginnender Aufklärung dokumentiert. Joachim Weinhardt behandelt den Theologen Christian Eberhard Weismann (1677-1747), Wolf-Friedrich Schäufele dessen Professorenkollegen und Universitätskanzler Christoph Matthäus Pfaff (1686-1760), Reinhold Rieger den vielseitigen Philosophen und Politiker Georg Bernhard Bilfinger (1693-1750), der u. a. das Pietismus-Reskript von 1743 verfasste. Unter dem Titel "Studium et Praxis Pietatis" untersucht Wolfgang Schöllkopf die Stellung von Universität und Evangelischem Stift Tübingen zum Pietismus.

Einen Überblick über die Juristische Fakultät zwischen 1650 und 1750 gibt Jan Schröder, wobei es vor allem um den Einfluss der Aufklärung geht. Mit den letzten Hexenprozessen in der Spruchpraxis der Juristischen Fakultät Tübingen befasst sich Marianne Dillinger, die in den strafrechtlichen Gutachten von einigen Vertretern der Fakultät rein statistisch durchaus eine Neubewertung des Hexereidelikts feststellt. Peter Dilg, Pharmaziehistoriker, würdigt "Zwei hervorragende Vertreter der Tübinger Medizinischen Fakultät, Rudolph Jakob Camerarius (1665-1721) und Johann Georg Gmelin (1709-1755)." Friedrich Seck beleuchtet das Leben des Rhetorikers und Poeten Christoph Kaldenbach (1613-1698), der, aus Niederschlesien kommend, 1655 von Königsberg nach Tübingen berufen wurde. Am Beispiel des Philosophen und Theologen Israel Gottlieb Canz (1690-1753) untersucht Bernhard Homa "die universitäre Berufungs- und Zensurpraxis", die, entsprechend den kultur- und bildungspolitischen Veränderungen, steten Wandlungen unterliegt.

Die beiden letzten Beiträge des Bandes, die sich mit der Geschichte der Mathematik und mit musikalischen Werken befassen, scheinen etwas isoliert, ergänzen aber das vielfältige Bild der gesamten Universität. Gerhard Betsch schreibt über "Mathematik und Naturlehre in Tübingen zwischen 1635 und 1740". Joachim Kremer betrachtet den "Wandel des musikalischen Repertoires am Evangelischen Stift in Tübingen zwischen 1654 und 1767". Diese fachliche Breite entspricht durchaus dem vielfältigen Forscherleben und weit gefächerten fachlichen Interesse des Landeshistorikers Sönke Lorenz, dessen Gedenken dieser Band gewidmet ist.

Günther Schweizer