Günther Schweizer: Ottilie Wildermuth geb. Rooschütz (18171877) und ihre schwäbischen Wurzeln.

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Günther Schweizer: Ottilie Wildermuth geb. Rooschütz (18171877) und ihre schwäbischen Wurzeln.

Die Vorfahren der Schriftstellerin und ihre Familien.

(= Südwestdeutsche Ahnenlisten und Ahnentafeln, Band 6). Verein für Familienkunde in Baden- Württemberg Stuttgart 2017. 223 Seiten mit einigen Abbildungen. Broschur € 18,-. (für Mitglieder: 12, €)

Bei ihrem Tod 1877 rühmte der Staatsanzeiger für Württemberg Ottilie Wildermuth als Zierde Schwabens und lobte ihre Erzählweise von unwiderstehlichem Anmuth. Was sie gedichtet, geschrieben und gethan hat, werde ihr Andenken lebendig erhalten. Und tatsächlich noch vierzig Jahre später bezeichnet sie der Berliner Börsen-Courier in einem zu ihrem 100. Geburtstag erschienenen Artikel als die bekannteste und beliebteste Jugendschriftstellerin, die unsere Literatur bisher kennt. Und selbstverständlich zählt ein 1933 in Chicago publizierter Band 400 outstanding women of the world Ottilie Wildermuth mit auf und beschreibt sie als eine Frau, die sich stets bemüht habe to uplift women in all walks of life. Doch heute ist sie weitgehend vergessen, den jüngeren Generationen unbekannt.

Deshalb eröffnet Günther Schweizer sein neuestes genealogisches Werk, das sich mit den schwäbischen Wurzeln der einstigen Bestsellerautorin beschäftigt, mit einem Überblick zum Leben und Werk Wildermuths. Anschaulich schildert er, wie die 1817 in Rottenburg geborene und in Marbach am Neckar aufgewachsene Ottilie Rooschütz zur Schriftstellerin wurde, wie sie nach ihrer Heirat in Tübingen zu schreiben begann und sich bald mit ihren zunächst in Cottas Morgenblatt veröffentlichten kleinen Geschichten einen Namen machte. Populär und erfolgreich wurde sie nicht nur mit ihren Kinder- und Jugendbüchern, sondern vor allem auch wegen ihrer Geschichten aus Schwäbischen Pfarrhäusern, köstliche Erzählungen mit leicht skurrilem, aber auch sehr lebensnahem Charakter. Eine erste Gesamtausgabe ihrer Werke erschien 1862 und umfasste acht Bände mit je rund 300 Seiten.

Ihre Motive und Handlungsstränge schöpfte sie meist aus persönlichen Erlebnissen oder vor allem aus familiären Überlieferungen, beispielsweise aus Tagebuchnotizen ihrer Vorfahren. Und genau dies, dass ihre Geschichten eben reale verwandtschaftliche Wurzeln haben, gab schließlich Günther Schweizer den Anlass, eine Ahnenliste zu erstellen und nach Ottilie Wildermuths Vorfahren zu forschen.

Zwölf Generationen rekonstruiert Schweizer, wobei ihn seine Forschungen bis ins 15. Jahrhundert zurückführen. Theoretisch könnte dies 5248 Personen betreffen, aber fehlende Quellen und der sogenannte Ahnenschwund (Vorfahren, die in der Stammtafel mehrfach vertreten sind) reduzierte ihre Zahl erheblich. Dennoch, die ersten sechs Generationen kann der Genealoge vollständig namhaft machen. In der zwölften Generation sind es immerhin 94 Personen, darunter findet man bekannte Persönlichkeiten wie Ulrich Brastberger, Jos Vogler, der den Grafen Eberhard im Bart 1468 auf seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land begleitete, Magdalen Imhoff aus Nürnberg oder den württembergischen Reformator Johannes Brenz.

Natürlich belässt es Schweizer nicht bei den Namen. Fast immer kann er Lebensdaten, Geburts- und Wohnorte hinzufügen. Zudem benennt er alle Kinder mit ihren Ehepartnern. Über die Männer erfahren wir oft auch deren beruflichen Werdegang. Zahlreiche längere Passagen aus Archivalien, aus Leichenpredigten oder Epitaph-Inschriften vertiefen den Einblick in das Leben der jeweiligen Person.

Das ausgebreitete Material ist nicht nur umfangreich, sondern in seiner Fülle und Aussagekraft auch erstaunlich, zumal wenn dann der Fachmann die Ahnenliste der Ottilie Wildermuth mit anderen Stammtafeln kombiniert. An vier Beispielen belegt er Ahnengemeinschaften zwischen der Dichterin und Friedrich Hölderlin, Friedrich Silcher, Max Eyth, Max Planck, Richard von Weizsäcker, Wilhelm Hauff, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Eduard Mörike oder dem 1968 geborenen Prinzen Frederik von Dänemark. Und wie man das in Württemberg bei vielen ehrbaren Familien auch erwarten kann, ist Ottilie Wildermuth über das Ehepaar Karl Bardili und Regina Burkhardt, die schwäbische Geistesmutter, in Ahnengemeinschaft verbunden mit weiteren im Land bekannten Personen, wie etwa mit Friedrich Wilhelm Josef Schelling, Karl Gerok, Ludwig Hofacker und Ludwig Uhland. Ein Literaturverzeichnis sowie ein Namens- und Ortsregister beschließen das Werk, das einen ausgezeichneten und vielfach überraschenden Überblick zu den schwäbischen Wurzeln von Ottilie Wildermuth gibt und en passant anregt, sich wieder mehr mit der einst so berühmten Tübinger Dichterin zu befassen.

Wilfried Setzler