Joachim Kremer (Hrsg.): Musik an den württembergischen Lehrerseminaren.

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Joachim Kremer (Hrsg.): Musik an den württembergischen Lehrerseminaren.

Titelblatt

Von Bockel Verlag Neumünster 2015. 328 Seiten mit einigen Abbildungen. Pappband 29,80.ISBN 978-3-95675-008-3

Früher als viele andere Territorien im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation verfügte das Herzogtum Württemberg über ein fortschrittlich durchgestaltetes höheres Bildungssystem mit Lateinschulen und Evangelischen Klosterseminaren, die hin zum Hochschulstudium führten. Doch der Volks- oder Grundschulausbildung schenkte man nur wenig Beachtung. Die Lehrerschaft der deutschen Schule rekrutierte sich nicht selten aus Handwerkerkreisen, oft lernte der Sohn das Lehrerhandwerk beim Vater, der es wiederum von seinem Vater übernommen hatte. Eine staatliche Ausbildung war nicht vorgesehen. Rechnen und Lesen konnte nach der Meinung der Zeit eben auch ein ungelernter Lehrer vermitteln. Das änderte sich erst im 19. Jahrhundert. 1811 wurde in Esslingen eine erste Ausbildungsstätte für Lehrer, ein erstes Lehrerseminar, Vorläufer der späteren Pädagogischen Hochschulen, geschaffen, an dem nun in einem Dreijahreszyklus evangelische Lehrer ausgebildet wurden. Die Errichtung eines katholischen Lehrerseminars erfolgte 1825 in Schwäbisch Gmünd. Bald durch weitere Seminare im Land vermehrt, erwiesen sich diese als wichtige Säulen des Bildungssystems auf dem Weg in die Industriegesellschaft.

Im vorliegenden Band, der auf eine Tagung zum Esslinger 200-jährigen Jubiläum zurückgeht, steht vor allem die musikalische Ausbildung, die Rolle der Musik als Teil eines umfassenden Bildungskonzepts im Mittelpunkt. Doch anders als der Buchtitel behauptet, geht es in ihm nicht nur um die Musik. Die ersten vier Beiträge - von insgesamt zwölf - beschäftigen sich mit unmusikalischen Themen, stellen die Seminare in einen größeren politischen sowie bildungs- und sozialgeschichtlichen Kontext. Sabine Holtz beschreibt in einem guten Überblick die württembergische Bildungslandschaft des 19. Jahrhunderts insgesamt, Ursula Pfeiffer-Blattner blickt dann auf die Anfänge der staatlichen Lehrerausbildung in Württemberg, Daniel Brenner fokussiert weiter auf das Persönlichkeitsbild des Volksschullehrers, auf seine Vorbildfunktion nicht nur in der Schule, sondern in der Gesellschaft insgesamt, und Gabriele Hofmann umspannt die Genderfragen in der Ausbildung von Lehrern und Lehrerinnen gestern und heute.

Das Thema Musik am Lehrerseminar eröffnet der Herausgeber Joachim Kremer mit einem Forschungsbericht. In einem zweiten Beitrag untersucht er das musikalische Repertoire an den Seminaren. Geradezu vergnüglich zu lesen ist der Aufsatz von Rainer Bayreuther über die Lied-Lieder, die seiner Schätzung nach etwa 50 Prozent aller Schullieder des 19. Jahrhunderts umfassen. Damit bezeichnet er Lieder, die vom Liedersingen handeln und eine Aufforderung zum Singen enthalten: Wohlauf noch gesungen im trauten Verein, Wir singen Dir mit Herz und Mund. Die nächsten vier Beiträge befassen sich mit einzelnen Personen oder Familien, die nicht nur für die musikalische Ausbildung der Lehrer, sondern darüber hinaus in der Musikkultur des Landes insgesamt, in Vereinen, im Musikleben der Städte, als Komponisten, Dirigenten oder Musiker eine bedeutsame Rolle gespielt haben. Vorgestellt und gewürdigt werden Johann Georg Frech und Christian Fink aus Esslingen (Ulrich Prinz), der Esslinger Konrektor Karl Paff als deutscher Sängervater und als Historiker (Friedhelm Brusniak), fünf Generationen der Familie Kühnle als Fallbeispiel württembergischer Lehrerorganisten (Christoph Öhm-Kühnle) und August Halm und seine Instrumentalschulen als musikalische Kompositionen (Thomas Kabisch).

Bevor Joachim Kremer den Band mit einem Ausblick schließt, der weitere Forschungen Lehrerausbildung im 19. Jahrhundert im Vergleich mit anderen Ländern wie Bayern, Baden oder Preußen anregt, blickt Ralf Wittenstein schon mal über den Tellerrand Württemberg und schaut auf die Musik an den protestantischen Schullehrerseminaren in Bayern.

Wilfried Setzler