Land – Natur und Umwelt in Baden-Württemberg, eine Bilanz in Bildern.

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Land – Natur und Umwelt in Baden-Württemberg, eine Bilanz in Bildern.

Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg (Hrsg.). G. Braun Buchverlag Karlsruhe 2011. 208 Seiten mit 143 Farb-Abbildungen Gebunden € 36,00. ISBN 978-3-7650-8600-7

Titelblatt

Großformatige Luftbilder in bestechender Aufnahme- und Druckqualität, das ist der erste Eindruck. Bilder von strahlender Brillanz, die sich von anderen Bildbänden deutlich abheben. Landschaften, Städte, Idyllen, Straßenverknotungen und Industriegebiete in allen Details, mit treffsicherer Perspektive in bester Beleuchtung und zum richtigen Zeitpunkt aufgenommen – kurzum: Bilder in 1A-Qualität.

Das Blättern in diesem Buch macht Spaß: Manches wie beispielsweise das Kloster Beuron, den Federsee (Umschlagbild) oder Hohenurach kennt man, anderes nicht. Ein Rapsacker, ein Fichtenforst, ein Traktor mit Staubfahne, ein Schrottplatz, Gewerbebauten in ihrer üblichen Tristesse – eigentlich egal, wo aufgenommen. Schnell bemerkt man, dass die Mischung zwischen Bekanntem und Unbekanntem durchgängiges Prinzip des Buches ist: Individuelles, Einmaliges mischt sich mit Alltäglichem, Beliebigem. Alleinstellungsmerkmale kennzeichnen unser Land genauso wie 08/15-Gewerbebauten, Allerwelts-Wohnsiedlungen und Autobahnkreuze. Wie ein Roter Faden zieht sich durch das Buch die Regel: Das Neue ist in aller Regel unschön, das Alte ist Idylle. Das Dichterwort drängt sich auf und könnte im Geleitwort des Buches stehen: Die Poesie schwindet aus der Natur, und der Prosa gehört die künftige Welt! (Christian Wagner, Leonberg-Warmbronn, 1884).

Ist das Buch auf den ersten Blick unterhaltsam, wird man beim gründlicheren Durchschauen und Lesen nachdenklich: Eine Dynamik sondersgleichen steckt in unserem Land; was wir täglich in der Zeitung an Neuerungen und Problemen lesen, schlägt sich in der Physiognomie der Landschaft nieder. Wie soll das alles weitergehen? Selten gefallen einem die Veränderungen, oft schlagen sich Neuerungen in brutalen Eingriffen nieder, sei es die Erschließung neuer Baugebiete oder sei es – ein besonders markantes Bild auf Seite 62/63 – die neue Aufstiegsstraße vom Wieslauftal zum Welzheimer Wald, die über Jahrhunderte gewachsene Strukturen und die Harmonie eines Obstwiesenhanges zerstört. Steinkäuze, Wendehälse und Halsbandschnäpper haben das Nachsehen, so der Text zu diesem Bild. Dass die jahrzehntelang lärm- und abgasgeplagten Bewohner von Schorndorf-Haubersbronn sehnsüchtig auf diese Straße gewartet haben, wird allerdings nicht erwähnt. Was schließt der nachdenkliche Leser daraus: Alles hat seine zwei Seiten!

Damit kommen wir zum Kern der Sache: Was will der Landesnaturschutzverband der Öffentlichkeit mit diesem Buch zu seinem 40-jährigen Bestehen sagen? Tja, was wohl? Dies wird eben nicht recht klar: Leser, die sich Naturschutzverbänden zurechnen und die auf diesem Gebiet Vorbildung haben, verstehen die Botschaft: mehr Rücksicht im Umgang mit Natur und Landschaft. Aber Leser, die keine Erfahrung mit gut und böse haben, die Fortschritt nicht von unnötigem Eingriff unterscheiden können, kommen eigentlich nur zu dem Schluss, den ein schwäbischer Schultes mal auf den Nenner gebracht hat: Naturschützern g’fellt alles Alde, bloß koi alte Würscht und koi alde Weiber!

Diesen falschen Folgeschluss hätte man vermeiden können, wären die Begleittexte griffiger, aber die sind fast durchweg so beliebig wie besagter Rapsacker oder ein Fichtenforst. Statt zu erläutern, statt zu kommentieren, gehen die Texte meist nicht über floskelhafte Wendungen und die Nennung nebensächlicher Dinge hinaus. Ein Beispiel: Seite 16/17 ein großartiges Winterbild vom Großen Lautertal mit den Burgen Hohen- und Niedergundelfingen. Keine Silbe über den Umlaufberg, geschweige denn über die Bemühungen Ehrenamtlicher, den schon weitgehend verwachsenen Hügel und die Burgen als Landschaftsmarken wieder sichtbar zu machen. Stattdessen nur ein kryptischer Satz zur Quelle des Flüssleins sowie Ausführungen zur artgerechten Haltung von Pferden im Gestüt Marbach – beides mehrere Kilometer weit vom Bildausschnitt entfernt.

Zweites Beispiel: Ausgerechnet Grünspecht und Gartenrotschwanz erschienen der Autorin unter mehr als hundert Vogelarten im ehemaligen Steinbruch Dettinger Hörnle bei Neuffen (Seite 10/11) erwähnenswert, und man fragt sich: Warum werden zwei Arten benachbarter, im Bild nur randlich sichtbarer Obstwiesen aufgeführt und nicht Wanderfalke und Kolkrabe als Bewohner der dortigen Steinbruchwände?

Manches bleibt auch schlichtweg unverständlich, so die Ausführungen zur EU-Förderung der Kulturlandschaft auf Seite 92 mit einem Vergleich zu Österreich, das angeblich ähnlich strukturiert sei wie Baden-Württemberg. Und dann zwischendurch Fehler: Blaues Meer habe Eduard Mörike den Albtrauf genannt (Seite 8). Oh nein, Blaue Mauer schrieb er und wusste warum! Weshalb das Donautal bei Beuron nicht von der Donau selbst, sondern von einer Ur-Donau geschaffen worden sei (Seite 14), bleibt ebenso ein Rätsel wie die Aussage, dass es im Fluss Treppen und Fallstellen gebe, über die Fische wandern. Was immer Fallstellen auch sein und wie diese funktionieren mögen: Stellfallen sind wohl gemeint, über die Fische eben nicht wandern können, sondern nur über Fischtreppen außen herum. So könnte man mit Ungenauigkeiten und Fehlern fortfahren, aber die Texte sind ja eigentlich nur Beiwerk zu den Fotos und können – von Ortsnamen abgesehen – weitgehend übergangen werden.

Der Landesnaturschutzverband hat sich ein Geburtstagsgeschenk geschaffen, das allerdings jeder Leser für sich selbst interpretieren muss. Es fehlt eine Gebrauchsanleitung, wie man die Bilder werten soll. Schlecht gemacht und gut gemacht kann der unbefangene Beschauer und Leser nicht trennen. Die Bilder Seite 28 bis 31 zeigen Wohnviertel, die, den Texten zufolge, beispielhaft sein sollen, da mit keiner oder wenig Inanspruchnahme von Natur verbunden. Sollen solche Käfighaltungen etwa das Leitbild zukünftigen Wohnungsbaus sein?

Wer Freude an schönen Luftbildern hat und wer bereit ist, auf diesen Bildern spazieren zu gehen und über den Umgang mit Natur und Landschaft zu reflektieren, dem sei dieses Buch empfohlen. Als Geschenk für jemand, der über den Umgang mit Natur und Landschaft in irgendeiner Weise mit zu entscheiden hat, ist es bestens geeignet – allerdings nur mit kommentierendem Begleitbrief!

Reinhard Wolf