Konrad A. Theiss: Alle Kunst erzählt vom Leben.
35000 Jahre Geschichte der Kunst auf der Ostalb und im Ries. Edition Ostalb Aalen 2009. 208 Seiten mit zahlreichen meist farbigen Abbildungen. Kartoniert € 34,80. ISBN 978-3-9810452-8-4

Ostalb und Ries besitzen zwar geografische, historische und kulturelle Gemeinsamkeiten, bilden aber keine ausgewiesene Region. Auch ist der Ausschnitt, den Konrad A. Theiss gewählt hat, ziemlich willkürlich. Seine Geburtsstadt Aalen setzt er in den Mittelpunkt, wählt einen Umkreis von ca. 50 km und rückt das so begrenzte Gebiet in den Fokus seiner kunstgeschichtlichen Untersuchungen. Er ist freilich ein ausgewiesener Kenner dieses Gebiets. Im Jahr 2000 hat er bereits einen Führer zu den Kunstdenkmalen im Ostalbkreis herausgegeben. Mit diesem neuen Buch aber setzt er andere Akzente. Er möchte die Kunstschätze nicht alphabetisch oder nach Stilepochen sortiert auflisten, sondern sie in Zusammenhänge, in die großen Entwicklungslinien, in einem größeren Kulturraum, hier Europa, einordnen, Religions- und Sozialgeschichte mit berücksichtigen, gesellschaftliche Grundlagen mit einbeziehen. Das Ganze im Auge behalten und den gezielten Blick auf die Nähe richten, das ist das Anliegen des Autors.
Kunstgeschichte einer Kulturlandschaft im Herzen Süddeutschlands – so betitelt der Autor sein Vorwort. Und wirklich ist die Region ein Herzstück Süddeutschlands, denn in den letzten Jahren haben die Ausgrabungen der Archäologen die sehr frühen Zeugnisse künstlerischen Schaffens des Homo Sapiens gerade hier zutage befördert. Das Mammut und der Löwenmensch aus Elfenbein und andere geschnitzte Tiere sowie die Flöte erzählen von einer differenzierten Kultur vor 35000 Jahren. Nahe Nördlingen können die Siedlungsspuren auf dem Goldberg von aufeinander folgenden Kulturen seit dem 5. Jahrtausend v. Chr., von der Jungsteinzeit, über die Bronzezeit bis zu den Kelten erzählen. Die Reste des Limes und der anliegenden Kastelle berichten mit ihren Funden von der Römerzeit, am besten aufbereitet im Limesmuseum in Aalen. Von jeder Periode zeugen vor allem die zahlreichen Grabbeigaben, so von den Alamannen die kunstfertigen Fibeln und Goldblattkreuze.
Die nachfolgenden Epochen sind mit Kirchen, Klöstern, Burgen, Schlössern samt ihrer Ausstattung im ausgewählten Gebiet signifikant vertreten und stehen im Verbund der europäischen Stilepochen. Bedeutende Baumeister wie die Parler, Maler und Bildhauer, hier sind u.a. Friedrich Herlin, Hans Schäufelin, Martin Schaffner, Nikolaus Weckmann, Nicolaus Gerhaert von Leyden stellvertretend für viele weitere zu nennen, sind nicht nur regionale, sondern weit über die Grenzen anerkannte Meister. Immer wieder finden sich zudem im ausgewählten Gebiet Zeugnisse bedeutender Werkstätten in Deutschland bis zum benachbarten Ausland. Und schließlich erlebt die Ostalb in der Gegenreformation barocke Kirchen-Neubauten oder Umbauten, die Neubelebung des Klosterlebens mit einigen hervorragenden repräsentativen Gebäuden, der Höhepunkt ist sicherlich die Abtei Neresheim. Martin Knoller, Balthasar Neumann, Dominikus Zimmermann sowie weitere namhafte Künstler waren hier und in der Umgebung tätig. Barocke Stadtarchitektur, barocke Gartenanlagen der Adligen vervollständigen das Bild des damals alle Regionen Europas erfassenden Bauwurmbs. Romantik und Biedermeier und schließlich der Aufbruch in die Moderne bis 1920 vervollständigen den kunsthistorischen Überblick. Auch der jüdischen Kultur mit Synagogen, Kultgegenständen und der Mikwe in Mönchsdeggingen ist ein Abschnitt gewidmet.
Ergänzt werden die Kapitel durch informative Detail-Erläuterungen: über die staufischen Buckelquader, den Begriff Münster, die 14 Nothelfer, über den Einfluss bedeutender Künstler wie Albrecht Dürer auf die Kunst der Region, und vieles mehr. Dazu kommen kurze Viten der wichtigsten genannten Künstler. Übersichtlich auch die vordere Klappenseite, die einen schnellen Überblick über Epochen der Geschichte und Kunstgeschichte und die Einordnung der regionalen Kunst erlaubt. Insgesamt ist das Buch anschaulich und großzügig illustriert, einige Bilder – die meisten hat der Verfasser selbst beigesteuert – sind allerdings verbesserungsfähig. Leider bleiben auch einige Bildbeschriftungen unklar oder fehlen gänzlich, auch das Ortsregister führt da nicht immer zum Verständnis. An einigen Stellen führen die doch sehr summarisch auf knappem Raum erläuterten Einordnungen in die globale Kunstgeschichte zu Ungenauigkeiten. So geht z.B. das Motiv des Stalls bei der Darstellung der Geburt Christi nicht auf den hl. Franziskus zurück, sondern ist schon seit dem 4. Jahrhundert nachweisbar.
Das sind aber nur Kleinigkeiten, die den Wert des vorliegenden Buches als Überblickswerk über die Kunst der spezifischen Region Ostalb und Ries mit ihrem außergewöhnlichen Bestand an Kunst- und Kulturdenkmalen aller Epochen nicht schmälern sollen. Die Einordnung der regionalen Kunstschätze in die europäischen geistigen und kulturellen Entwicklungslinien ist die verdienstvolle Leistung des Autors Konrad A. Theiss.
Sibylle Setzler
