Die Chronik der Magdalena Kremerin im interdisziplinären Dialog

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Die Chronik der Magdalena Kremerin im interdisziplinären Dialog

Titelblatt

Sigrid Hirbodian und Petra Kurz (Hrsg.), (Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde, Band 76). Jan Thorbecke Verlag Ostfildern 2016. 252 Seiten mit 74 Abbildungen. Pappband 35,-. ISBN 978-3-7995-5276-9

Bei der im Buchtitel genannten Chronik handelt es sich um eine am Ende des 15. Jahrhunderts im Dominikanerinnenkloster Kirchheim unter Teck entstandene umfangreiche Handschrift. In ihr beschreibt die Autorin aus der Erlebnisperspektive einer Betroffenen zunächst, wie Graf Ulrich von Württemberg, der Vielgeliebte, Onkel des Grafen Eberhard im Bart, 1476 die Observanz, eine strenge Interpretation der Ordensregel, im Kloster einführte, dass dazu sieben Nonnen aus dem bereits reformierten Dominikanerinnenkloster Silo aus Schlettstatt im Elsaß nach Kirchheim gesandt wurden, diese dort die zentralen Ämter übernahmen und das Klosterleben nach den Vorstellungen der Observanz veränderten. Sodann schildert sie, wie 1485, nach einer neunjährigen Blütezeit - der Nonnenkonvent war auf fünfzig Schwestern angewachsen - Ulrichs Sohn Graf Eberhard der Jüngere, Vetter Eberhards im Bart, das Kloster mit ungebührlichen Forderungen überzog und die aus Schlettstatt zugezogenen Nonnen wieder ausweisen wollte. Ausführlich geht sie schließlich auf den sich daraus entwickelnden Konflikt zwischen den beiden Vettern Eberhard dem Jüngeren und Eberhard im Bart ein. Letzteren hatten die Nonnen, als Eberhard der Jüngere ihren Widerstand mit Gewalt brechen wollte, um Hilfe gebeten, was Eberhard im Bart wiederholt zum Eingreifen veranlasste. Als Eberhard der Jüngere trotz der Verhängung des Kirchenbanns durch den Konstanzer Bischof und entgegen allen Vorstellungen seines Vetters die Nonnen mit einer Hungerblockade überzog, beendete diese Eberhard im Bart nicht nur mit militärischen Mitteln, sondern nahm sie auch zum Anlass, seinem Vetter alle Regierungsteilhabe in der Grafschaft Württemberg zu entziehen.

Die Chronik ist somit eine sehr detaillierte und authentische Quelle zum Klosterleben, insbesondere zur Klosterreform und zur Innenwelt eines Dominikanerinnenklosters. Zudem verdeutlicht sie den Handlungsspielraum geistlicher Frauen gegen Ende des 15. Jahrhunderts. Vor allem aber gewährt sie einen sehr anschaulichen Einblick in die Geschichte Württembergs jener Zeit und belegt an einem Beispiel die Politik des Grafen Eberhard im Bart, die zur Wiedervereinigung des seit 1442 geteilten Landes führte und auf eine Stärkung der territorialen Gewalt zielte.

Obwohl die Chronik seit langem bekannt ist, der württembergische Historiograph Christian Friedrich Sattler hat sie bereits 1768 ediert, harrte sie gleichwohl einer umfassenden Auswertung. Diese ist nun auf einer in Kirchheim unter Teck stattgefundenen Tagung Die Chronik der Magdalena Kremerin im interdisziplinären Dialog erfolgt. Fünfzehn Fachleute waren daran beteiligt: Historiker, Germanisten, Kunsthistoriker und Theologen. Die Referenten untersuchten den Text aus unterschiedlichen Perspektiven und interpretierten ihn in seinen landes- und kirchenhistorischen, theologischen, sprachlichen und literarischen Kontexten. Die im vorliegenden Buch publizierten Ergebnisse sind spannend zu lesen und bergen manche Überraschung. So wirft etwa der britische Germanist Nigel F. Palmer die Frage auf, ob denn überhaupt, so wie bisher gemeint, die Magdalena Kremerin aus dem Elsaß die Autorin war oder ob die Chronik nicht doch eher von der Kirchheimer Schaffnerin Barbara von Speyer verfasst worden ist.

Sibylle Wrobbel