Rolf Kießling: Kleine Geschichte Schwabens.
Verlag Friedrich Pustet Regensburg 2009. 216 Seiten mit 32 Abbildungen. Kartoniert € 14,90. ISBN 978-3-7917-2231-3

Wer heute das Wort Schwaben hört, assoziiert damit meist Württemberg. Dorthin werden die Schwaben verortet, dort spricht man Schwäbisch. Der Hinweis, dass einst auch das südliche Baden, ein großer Teil vom Elsass und der deutschsprachigen Schweiz zu Schwaben gehörten, wird meist mit ebenso großem Erstaunen aufgenommen, wie, dass Augsburg gar eine Hauptstadt Schwabens gewesen ist.
Das alte Herzogtum Schwaben, von den Alemannen besiedelt und geschaffen, reichte einst von den Vogesen bis zum Lech, von der Nordschweiz bis weit über die junge Donau. Mit dem Tod Herzog Konradins von Schwaben 1268, des letzten Staufers, endete auch das Herzogtum Schwaben. Trotz verschiedener Wiederbelebungsversuche ist es nicht mehr erstanden. Zwar gab es weiterhin die Schwäbische Alb und bis zum Ende des Alten Reiches den Schwäbischen Reichskreis, doch kein Schwaben mehr als politische Größe.
Ein Teil des alten Schwabens, der Osten, das Gebiet zwischen Iller und Lech, zwischen dem Ries und den Alpen, kam im Zuge der napoleonischen Gebietsreform zu Beginn des 19. Jahrhunderts an Bayern. Dieses Bayerisch-Schwaben hat sich mit kleineren Veränderungen als bayerischer Regierungsbezirk Schwaben bis heute erhalten und umfasst die Stadt- und Landkreise Donau-Ries, Dillingen, Aichach-Friedberg, Günzburg, Neu-Ulm, Augsburg, Lindau sowie das Unter-, Ost- und Oberallgäu mit Memmingen, Kaufbeuren und Kempten.
Diesem Schwaben, dessen Geschichte ist das hier angezeigte Buch gewidmet. Da der Autor, bis zu seiner Emeritierung 2008 Inhaber des Lehrstuhls für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte der Universität Augsburg, natürlich weiß, dass das heutige bayerische Schwaben ein Ausschnitt aus einer ehemals weiterreichenden historischen Landschaft ist, die sich mit dem Begriff ‚Schwaben’ verband, macht seine Darstellung trotz aller Fokussierung auf den Regierungsbezirk Schwaben auch nicht an der Iller Halt, sondern schaut immer wieder über die Flussgrenze nach Westen, ins Gesamtschwaben.
Rolf Kießling hat seine Arbeit in acht chronologisch gereihte Kapitel gegliedert. Er beginnt mit der Eroberung des Raumes durch die Römer im Jahr 15 v. Chr. und dem Ausbau der Römerherrschaft. Die Kapitel zwei, drei und vier befassen sich dann mit dem Mittelalter. Sie führen von der alamannischen Landnahme, dem Einsickern von Gruppen, über die Christianisierung und Kirchenorganisation, die Begründung des alemannischen Herzogtums und dessen Eingliederung in das Frankenreich hin zur territorialen Zersplitterung des Raumes in der nachstaufischen Zeit und seiner Modernisierung durch Urbanisierung: Bürgerliche Freiheit wurde zum Impuls für eine neue Lebensform, und die Ausprägung Ostschwabens als ‚Städtelandschaft’ findet in Deutschland nur wenige Parallelen.
Die Kapitel fünf und sechs überspannen unter den Stichwörtern Schwaben als zentrales Reichsland und Territoriale Vielfalt einen Zeitbogen vom 16. bis ins späte 18. Jahrhundert. Sie thematisieren insbesondere das Reich in der Region, Reformation und Bauernkrieg, die konfessionelle Spaltung und die kulturelle Vielfalt sowie Krieg, Seuchen und Hunger, Salz, Silber und Kattune, das Handwerk, den schwäbischen Barock, die jüdischen Gemeinden im Medinat Schwaben sowie die schwäbische Aufklärung.
Das 19. Jahrhundert hat ein eigenes Kapitel bekommen. In ihm zeigt der Verfasser den Weg ins Königreich Bayern und wie dieser dem neuen Schwaben eine Provinzialisierung bescherte. Ausführlicher geht er dabei auf die Revolution von 1848 und ihre Folgen ein sowie auf die Industrialisierung als Innovationsschub. Das letzte Kapitel führt vom Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart. Ein thematischer Schwerpunkt bildet darin die Zeit des Nationalsozialismus, wobei er vor allem auf die Etablierung des NS-Systems, die Strukturelemente der Diktatur, die Zerstörung der jüdischen Lebenswelt, Resistenz und Widerstand, sowie auf den Krieg und die Zwangsarbeit eingeht.
Bei seinem Gang durch die Geschichte wird deutlich, dass die Region bis ins 19. Jahrhundert eine bedeutsame Stellung innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation innehatte, was sich beispielsweise bis heute in der Architektur offenbart oder in zahlreichen historischen Festen vergegenwärtigt wird. Erkennen kann man aber auch, dass mit der Eingliederung nach Bayern ein nicht unbeträchtlicher Bedeutungsverlust verbunden war und noch immer ist, weil man immer wieder einmal eine zentrale Funktion nach München abgeben musste.
So schließt Kießling sein Werk dann auch mit den Sätzen: Das ‚Benachteiligungssyndrom’ der ‚Provinz’ (...) ist freilich nicht spezifisch schwäbisch. Wohl aber der Reichtum in der Vielfalt seiner Geschichte, in der sich Offenheit für regionale Konkurrenzen wie Kooperationen abbilden, die aber wohl gerade deshalb stimulierend wirkte und weit ausstrahlte – in einer europäischen Zukunft der Regionen kann sie das allemal.
Dem Autor ist ein kluger Geschichtsüberblick gelungen, wie ihn kaum eine andere deutsche Region aufweisen kann. Er zeigt die großen Entwicklungslinien in allen Bereichen, ist informationsreich, ohne sich in die Details zu verlieren, wissenschaftlich bestens fundiert, präzise in seiner Begrifflichkeit und zugleich überaus anschaulich, gut lesbar, ja unterhaltsam im besten Sinne.
Wilfried Setzler
