Jörg Nädelin: Den Albtrauf entdecken.

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Jörg Nädelin: Den Albtrauf entdecken.

Natur erleben und Geschichte erfahren – entlang des Albtraufs und der Donau

Waldenburg, Selbstverlag des Verfassers, 2018. 443 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Hardcover 49,80 Euro.

Titelblatt

Mit der Überschrift Dieser einzigartige Albtrauf betitelt das Schwäbische Tagblatt die Vorstellung des Buches, worin sie den Autor mit den Worten zitiert: Für mich ist die Alb das interessanteste Mittelgebirge überhaupt. Und: Diese Landschaft muss man einfach mögen. Jörg Nädelin, der Verfasser des Buches, wird als Schulamtsdirektor a. D. mit Wurzeln in Albstadt vorgestellt. Das war er, aber er war auch an deutschen Schulen in Brasilien und in Mexiko tätig. Seine Heimat- und Geburtsstadt aber war Albstadt, ein Ort, der damals noch Ebingen hieß, und diesem hat er bereits mehrere Bücher gewidmet, die er in einer eigenen Reihe Stadteinsichten publizierte.

Der Titel des jüngsten Buches Den Albtrauf entdecken ist etwas irreführend, denn mit dem Albtrauf meinen die Geographen und Geomorphologen eigentlich nur den Steilabfall der Weißjura-Fläche zum Neckar hin, sozusagen die Front der von den harten Weißjurakalken gebildeten Schichtstufe. Inhaltlich geht es hier aber um die ganze Alb zwischen dem Trauf im Nordwesten und der Donau im Südosten. Das Buch, ein respektabler, großformatiger Band, beginnt mit einem geschichtlichen Exkurs, in dem auf die Besiedlung der Alb, auf die archäologischen Funde, auf Heuneburg und den römischen Limes eingegangen wird. Der meist kurze Text wird durch thematische Karten, durch Tabellen und durch hervorragende Fotos untermauert. Diese Art der Darstellung wird durch das ganze Buch hindurch beibehalten: eigene Fotos des Autors, oft in ganzseitigem Format, technisch und in der Auswahl hervorragend, zahlreiche Karten, Diagramme, Tabellen, übernommen aus der wissenschaftlichen Primärliteratur. Die Texte sind kurz und sehr konzentriert, erinnern manchmal an Lexikonartikel oder an Texte, die uns heute die digitalen Suchmaschinen liefern. Der Qualität des Buches schadet das keineswegs.

Der regionale Überblick, angekündigt von der Küssaburg bis zur Harburg , beginnt mit dem Donautal und führt uns von Tuttlingen und das Durchbruchstal der Donau über Sigmaringen zur Heuneburg, zu den Höhlen um Blaubeuren und schließlich nach Ulm. Der zweite Teil gilt der Südwestalb – Ecke der elf Tausender . Berge wie Hohenkarpfen, Lupfen, Klippeneck, Oberhohenberg, Plettenberg und andere Berge werden als markante Gestalten vorgestellt. Städte wie die alte Reichsstadt Rottweil, die württembergische Amtsstadt Balingen oder die hohenzollerische Residenzstadt Hechingen, vor allem aber zahlreiche Burgen, beleben das Bild der Zollernalb. Das nächste Kapitel ist den Traufbergen und Städten der Mittleren Alb gewidmet, die sich rings um Reutlingen, Bad Urach und Kirchheim erhebt. Historisch spielt der Heidengraben um Erkenbrechtsweiler eine wichtige Rolle, geomorphologisch ist der Schwäbische Vulkan mit seinen zahlreichen Schloten landschafts- und siedlungsprägend. Im nächsten Abschnitt folgen Berge und Städte der Ostalb mit dem Stauferland. Hervorgehoben wird der Hohenstaufen als Stammburg der Staufer, denen der Autor eine genealogische Stammtafel widmet. Das Nördlinger Ries, ein geologischer Fremdkörper im Schichtstufenland, dessen einzigartige Entstehung ausführlich dokumentiert wird, beschließt das mehr als 400 Seiten starke Buch. Ein ausgesprochen schönes Buch, das man gerne durchblättert, an dessen Bildern und Plänen man sich erfreut.

Wissenschaftlich gesehen war der Autor sehr fleißig, hat die Inhalte vieler Texte aus der Primärliteratur übernommen, nennt aber selten die eigentlich wichtigen Quellenangaben. Lediglich eine knappe Seite zählt etwa 30 Literaturtitel und einige wenige weitere Quellen auf. Gerade bei den Karten und Graphiken wäre es aber wichtig zu wissen, wer sie geschaffen hat und wann sie entstanden sind. Sehr anschaulich sind z. B. die geologischen Blockbilder (auf den Seiten 3, 8, 55-56, 61-62), die letztlich alle auf den Geologen Georg Wagner (1885–1972) und seinen 1961 erschienenen Atlas Raumbilder zur Erd- und Landschaftsgeschichte Südwestdeutschlands zurückgehen, was aber dem Leser verborgen bleibt. Bücher wie das von Ernst W. Bauer herausgegebene Große Buch der Schwäbischen Alb, 1988, sind nützliche Hinweise für die Freunde schöner Bücher, haben aber nicht den Charakter wissenschaftlicher Quellen. Ein wenig vermisst man, dass Nädelin bei seiner vielseitigen Betrachtung kaum auf die dichterische Seite des Themas Schwäbische Alb eingeht. Zwar wird auf der zweitletzten Seite des Werkes auf Gustav Schwab und sein 1823 erschienenes Buch Die Schwäbische Alb verwiesen und das Vorwort nachgedruckt, aber andere Hinweise dieser Art fehlen, so z. B. die so treffende Formulierung Wundersame blaue Mauer von Eduard Mörike, die Hermann Bausinger und seine Mitautoren neuerdings in dem Buchtitel Wundersame blaue Mauer! Die Schwäbische Alb in Geschichten und Gedichten (2017) wieder aufgegriffen haben.

Man freue sich also an den wirklich schönen und gut ausgewählten, meist vom Autor selbst aufgenommenen Bildern dieses Buches über unsere Alb, über eine Landschaft, die man, wie der Autor selbst, einfach mögen muss.

Günther Schweizer