Bernd Langner und Wolfgang Kress: Ausblicke nach allen Richtungen.

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Bernd Langner und Wolfgang Kress: Ausblicke nach allen Richtungen.

Titelblatt

150 Jahre Verschönerungsverein Stuttgart e.V. 1861–2011

mit Gedanken zur künftigen Vereinsarbeit von Erhard Bruckmann.

Eigenverlag des Verschönerungsvereins Stuttgart e.V., Stuttgart 2011. 255 Seiten mit rund 360, meist farbigen Abbildungen. Gebunden € 25,– + € 5 Versand (zu beziehen beim VSV, Weberstraße 2, 70182 Stuttgart, E-Mail festschrift@vsv-stuttgart.de).

Schon unmittelbar nach der Vereinsgründung am 15. Juli 1861 zählte der ursprünglich unter dem Namen «Verein für die Verschönerung der Stadt Stuttgart und ihrer Umgebung» firmierende heutige «Verschönerungsverein Stuttgart» 150 Mitglieder. Eigentlicher Initiator der Gründung war der Festschrift zufolge erstaunlicherweise kein alteingesessener Stuttgarter Bürger, sondern der seit 1845 in Stuttgart lebende Kunstmaler Pieter Francis Peters (1818-1903), ein gebürtiger Holländer. Er war auch der Hauptredner auf der Gründungsversammlung. Doch Männer wie der Stuttgarter Apotheker Julius Haidlen, Vorsitzender seit 1863, ein bekannter liberaler Stuttgarter Kommunal- und Landespolitiker, bezeugen, dass der Verein im Stuttgarter Bürgertum verankert war.

Bernd Langner und Wolfgang Kress verorten in der Festschrift zum 150-jährigen Bestehen des Vereins daher den frühen Verschönerungsverein zu Recht im Streben des Bürgertums des 19. Jahrhunderts nach aktiver Teilhabe an der gesellschaftlichen und letztlich politischen Entwicklung, ähnlich der 1807 gegründeten Stuttgarter Museumsgesellschaft oder dem Württembergischen Geschichts- und Altertumsverein. Noch mehr aber als die Museumsgesellschaft war der Verschönerungsvereine Sache des wohlsituierten Bürgertums in guter Position, wie ein Blick auf die soziale Zusammensetzung der Mitglieder verdeutlicht. Mehr als die vor allem zur Biedermeierzeit durchaus aufmüpfige Museumsgesellschaft setzte der frühe Verschönerungsverein auf ein gutes Einvernehmen mit der Stadt, nahm er doch zunächst gewissermaßen einen Teil nach heutiger Auffassung eigentlich städtischer Aufgaben wahr, nämlich die Herstellung und Pflege öffentlicher Anlagen (vor allem Aussichtspunkte und Parkanlagen), wofür er von der Stadt finanziell unterstützt wurde.

Die Zahl und Qualität der Projekte ist beeindruckend. Bereits in den ersten Jahren entstanden die Uhlandshöhe, die Verbindung zwischen Neckar- und Haußmannstrasse, die Neugestaltung des Feuersee-Areals, die Gestaltung der Hasenbergsteige, die Schillerhöhe mit Schillereiche, die Reinsburganlage, daneben Denkmäler und vor allem Brunnen, seit den 1870er-Jahren auch Türme wie der 1943 gesprengte Hasenbergturm, später Eis- und Schlittenbahnen und Kinderspielplätze. Doch mit seinen Aktivitäten übernahm sich der Verein, um 1900 stand er mehrfach vor dem Ruin, bis schließlich die Stadt die Pflege der meist weiter im Besitz des Verschönerungsvereins verbleibenden Anlagen übernahm. Der Verein zahlte nun seinerseits an die Stadt. Damit war der Zenit der Vereinstätigkeit überschritten. Nun orientierte man sich mehr und mehr außerhalb der Innenstadt, engagierte sich etwa in Gaisburg und im Feuerbacher Täle, und verlegte sich insbesondere auf die Anlage von Spazierwegen, Schutzhütten und Wanderbänken.

Der bemerkenswerte Umfang des Grundbesitzes – Vereinsmerkmal bis heute – garantierte dem Verschönerungsverein das Überleben, etwa nach dem Zweiten Weltkrieg, als man mit Grundstückserlösen die Vereinsarbeit weiterführen konnte. Nach dem Krieg knüpfte man nun unter veränderten Bedingungen an die Tätigkeit der vergangenen hundert Jahre an: Jetzt aber standen «Pflege und Erhalt des Bestehenden» im Vordergrund, meinen dazu die Autoren, etwa der Karlshöhe, des Kriegsbergturms, mehrerer Brunnen, Denkmäler und Gedenkplatten. Doch ist festzuhalten, dass auch Neues hinzukam: Waldlehrpfade, die zusammen mit dem Schwäbischen Heimatbund sanierten letzten Weingärtnerhäuser im Leonhardsviertel, die Übernahme des chinesischen Gartens, ein Geschenk der chinesischen Provinz Jiangsu, oder der Orientierungstisch auf dem Birkenkopf und als Höhepunkt des jüngeren Engagements der richtungsweisende moderne Bau des Killesbergturms.

Vermehrt engagierte sich der Verein nun kommunalpolitisch, so im Natur- und Denkmalschutz und in Stellungnahmen zu Flächennutzungsplänen, Bauvorhaben (Hochhäuser!) und Schutz des Rosensteinparks, setzte sich dabei auch nicht selten in Widerspruch zur Stadtverwaltung, zu der freilich alles in allem weiter ein enges Verhältnis bestand. Trotzdem war der Verschönerungsverein gerade bei einigen herausragenden Denkmalschutzfragen wenig erfolgreich. Dazu gehören auch seine Interventionen im Umfeld des kontrovers diskutierten Projekts Stuttgart 21, fand man doch mit den meisten der auf den Seiten 196/197 der Festschrift beschriebenen Forderungen wie Erhalt der Seitenflügel des Bonatzbaus, Verzicht auf Entkernung der alten Bahnhofshalle und auf die sogenannten Lichtaugen im Bereich des Schlossgartens und nach Bau einer Landschaftsbrücke auf der Rohrer Höhe als Ausgleichmaßnahme kein Gehör. Wie die dennoch «zustimmende Haltung des Vereins» zum neuen Bahnhof zustande kommt, erfährt der Leser nicht.

Bernd Langner und Wolfgang Kress gelingt es, nicht nur ein buntes, detailreiches Bild der 150-jährigen Geschichte des Stuttgarter Verschönerungsvereins zu zeichnen, garniert mit einer Fülle oft bisher unpublizierter Abbildungen, worunter die vielen kolorierten Postkarten aus der Zeit um 1900 ganz besonders hervorzuheben sind, sondern zugleich die Entwicklung Stuttgarts von einer eher unbedeutenden Ackerbürger-Residenzstadt zur modernen Großstadt ins Bild zu rücken. Die Aufzählung und Darstellung Dutzender von Anlagen und anderer Projekte, mit denen der Verschönerungsverein die Stadt bereicherte, mag hin und wieder etwas ermüdend wirken. Doch bei genauem Studium wird deutlich, wie viel von dem, was den Charakter der Stadt ausmacht, was seinen Bürgern lieb und wert ist, seinem Wirken zu verdanken ist, sich teils bis auf den heutigen Tag auch noch in seinem Eigentum befindet. Je näher sich die Schilderung freilich der Gegenwart nähert, schleicht sich hie und da auch etwas Vereinsmeierei ein, etwas in den häufigen wörtlich zitierten mehr oder weniger bedeutenden Äußerungen der Offiziellen des Vereins bei öffentlichen oder vereinsinternen Veranstaltungen. Fotos von Brauereibesichtigungen oder mehreren «ersten Spatenstichen» interessieren eine breitere Öffentlichkeit nur begrenzt. Und dass diese Öffentlichkeit – nicht nur die 477 Vereinsmitglieder im Jahr 2011 – vom dem Buch und dem Wirken des Vereins angesprochen werden, das wäre dieser Festschrift besonders zu wünschen.

Sehr bedenkenswerte Gedanken steuert der derzeitige Vorsitzende Erhard Bruckmann bei, der sich über die Zukunftsaussichten der Vereinsarbeit und des ehrenamtlichen Engagements Gedanken macht und zum Schluss kommt, dass die heutige Situation der von 1861 wieder ähnelt: Die Stadt engagiert sich viel zu wenig für Pflege und Erhalt der landschaftlichen Schönheit Stuttgarts. Einst weil sie dies nicht als ihre Aufgabe ansah, heute weil ihr die Finanzmittel dafür fehlen. Man hätte dies freilich auch etwas deutlicher sagen können: Durch die vielgelobte Privatisierung öffentlicher Aufgaben wurden ehemalige kommunale Einkommensquellen «absichtsvoll» (Bruckmann) zugeschüttet, Erträge privatisiert, die nun der öffentlichen Hand fehlen. Daher auch das Schielen der Städte und Gemeinden auf «Investoren«, die den Orten dann ihre hässlichen Stempel aufdrücken. Dass der Verschönerungsverein dagegen nicht selten seine Stimme erhoben hat, ehrt ihn.

Textergänzend finden sich im Anhang ein «Verzeichnis aller Schöpfungen, Einrichtungen, Initiativen und Publikationen» des Vereins seit 1861, des aktuellen Grundbesitzes, ein Quellen-, Orts- und Literaturverzeichnis und als besondere Zugabe eine CD mit weiteren Materialien: die bisherigen Festschriften 1886, 1936 und 1961 samt Beilagen, vier kleinere Vereinsschriften zu historischen Themen sowie von 17 Stuttgart-Plänen vom Stadtplan 1788 bis zur Wanderkarte des Stuttgarter Rundwegs 1986/2011.

Raimund Waibel